Pages

16. August 2013

Haunted

Wenn man erst einmal die Angst überwunden hat erwischt zu werden, ist es nur noch halb so gruselig. Vielleicht fällt uns die Decke auf den Kopf. Ab und zu knarrt nämlich der Boden ganz gewaltig. Aber wenn wir aufpassen, wo wir hintreten, dann geht das schon. Natürlich bleibt das etwas bedrückende Gefühl, dass jede Sekunde ein alter, grimmiger Typ mit Schrotflinte vor uns stehen könnte. Aber das ist doch der Stoff aus dem wahre Abenteuer gemacht sind, nicht wahr?
Es war mit Abstand das abenteuerlichste, was ich in einer ganzen Weile tat. Aber ich war ja nicht allein. Denn solche (schaurig) schönen Momente sollte man teilen. Nicht nur mit den Weiten des Internets, sondern auch mit lieben Menschen. Und das tat ich vergangenes Wochenende. Urban Exploring nennt sich der Spaß und ist nichts für Angsthasen. Oder Statiker. Ganz ungefährlich war es nicht, das ist wohl wahr. Aber wir haben gut aufgepasst, dass wir nicht durch den morschen Fußboden krachen. Und auch darauf, dass uns der alte, grimmige Typ nicht erwischt.
Zeitweise beschleicht uns das Gefühl, dass das verlassene Gebäude in dem wir herumschleichen ein Zuhause für irgendwen ist. Dass wir auf Zehenspitzen sein Schlafzimmer durchqueren. Hier und dort ein Foto machen und dann rasch den Dachboden verlassen aus Angst der Boden trägt uns nicht mehr allzu lange. Außerdem wartet in einem der Räume ein alter Flügel darauf bespielt zu werden. Ganz leise versteht sich.
Viele der Räume sind in ihre Einzelteile zerlegt. Kabel und Schutt türmen sich auf den Böden, die Tapeten hängen in Fetzen von den Wänden. Die kleinen silbernen Geschosse von Spielzeugpistolen verraten uns, dass wir nicht die einzigen Besucher der alten Gemäuer sind. Auch, wenn der Sinn dieses Spiels mir verborgen bleibt, allzu gerne hätte ich in meiner Kindheit so einen Abenteuerspielplatz gehabt. Denn das ist es, ein großer Spielplatz - wenn auch ein sehr gefährlicher.
Dass, das Gebäude schon länger kein Innenarchitekt mehr besucht hat merkt man nicht nur am starken Verfall, sondern auch an den geblümten Vorhängen und den gemusterten Tapeten, die so auch in der Küche meiner Großmutter zu finden sein könnten. Seit Mitte der 90er Jahre steht das Haus leer. Wieso überall Waschbecken liegen und wer diese zertrümmert hat, verraten aber auch die hübsch geblümten Vorhänge nicht. Sie erzählen ihre eigene Geschichte. Eines haben aber alle Zimmer gemeinsam, sie haben alle bessere Zeiten gesehen, aber sicherlich auch schwere Schicksale geteilt. Ein fröhlicher Ort war das Gebäude sicher nie.
Ab und zu findet man einen Raum, der in all dem Chaos unnatürlich ordentlich und zurecht gemacht wirkt. Als hätte der Letzte, der den Stuhl benötigte, ihn so vor dem offenen Fenster platziert. Wohl kaum. Kunstvoll drapiert trifft es eher. Und wieder läuft uns ein kalte Schauer den Rücken hinunter. Vielleicht beobachtet man uns gerade? Oder haben wir vielleicht doch einfach nur zu viele Gruselfilme gesehen? Schnell die Phantasie bändigen, bevor sie mit uns durchgeht und weiterziehen. Den Flügel haben wir schließlich immer noch nicht gefunden.
Und plötzlich, nachdem wir die oberen Flure erkundet haben, steht er plötzlich in einem großen Raum im Erdgeschoss und wartet auf uns: der Flügel. Endlich. Mit großen Schritten eile ich auf ihn zu, setze mich hin und versuche mich an meine Klavierstunden zu erinnern, zu denen meine Eltern mich als Kind schleiften. Viel hängen geblieben ist nicht. Beherzt klimpere ich die ersten Töne von 'Für Elise'. Dann höre ich Beethoven sich im Grabe drehen. Nach so langer Zeit sind nicht nur meine Finger und Klavierkünste eingerostet, sondern auch das Klavier hörbar verstimmt. Außerdem setzt die Vernunft wieder ein, es könnte uns ja immer noch jemand hören. Also sitze ich da, bestaune die Absurdität das ganzen Abenteuers und streiche über die staubigen Tasten des Flügels. Wer hätte gedacht, dass etwas so schön und zugleich so schaurig sein kann?

Kommentare:

  1. Sehr schöne Bilder und toller text dazu. Ich muss mich auch wieder auf die Suche nach verlassenen Orten machen :)

    AntwortenLöschen
  2. "Dann höre ich Beethoven sich im Grabe drehen." - Leni, ich mag dich!
    Und die Bilder sind so ... perfekt. Ich kann mich gar nicht entscheiden, welches ich am schönsten finde (aber gruselig sind sie alle doch irgendwie ein bisschen)..

    AntwortenLöschen
  3. Ein wirklich schöner Post. :) Nicht nur die Fotos sondern auch der Text dazu, ist dir wirklich gelungen!

    AntwortenLöschen
  4. das müssen wir im pott unbedingt wiederholen! <3

    AntwortenLöschen
  5. wow, tolle bilder hast du da gemacht.

    und ich kann gern noch eine mr. eule machen :D
    vielleicht werden es ja nicht nur eulen.

    AntwortenLöschen
  6. Ganz ehrlich?! Ich hab beim lesen und schauen ziemlich mit gefiebert und geängstelt.

    AntwortenLöschen
  7. hübscher Blog
    Neuer Leser<3
    lg www.hannagurke.blogspot.de

    AntwortenLöschen
  8. Sehr schöne Bilder! Ich liebe Urban Exploring.
    :)
    http://nocominghome.blogspot.de/

    AntwortenLöschen