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2. Juli 2013

Prokrastination, oder: hat das nicht bis morgen Zeit?


Es gibt Phasen, da könnte meine Wohnung ruhigen Gewissens von MTV Room Raiders Kandidaten gestürmt werden oder die zukünftigen Schwiegereltern unangemeldet vor der Tür stehen. Das sind auch die Phasen, wo ich vom Fußboden eines jeden Raumes meiner Wohnung essen würde und meine Mama traurig wäre, weil nicht eine Oberfläche meiner zahlreichen Möbel genug Staub für ein "S A U !" aufweist. In diesen Phasen esse ich ausgesprochen ausgewogen und sträube mich nicht gegen stundenlanges Gemüse schnippeln, sondern backe auch gern mal den ein oder anderen Kuchen. In sämtlichen Küchenschränken, sowie in meinem Kleiderschrank herrscht dann eine akribisch geplante Ordnung, die auf autistische Veranlagungen meinerseits schließen lassen könnte. Meine Freunde bekommen mich während dieser Phasen allerdings nur selten zu Gesicht, denn ich habe schrecklich viel zu tun. Es ist schließlich Klausurphase und ich muss lernen. Das sagt nicht nur der Klebezettel auf meinem Kalender, der äußerst hübsch beschrieben und verziert die anstehenden Klausurtermine auflistet, sondern auch mein kleines Uni-Äffchen auf der Schulter.

Vor zwei Wochen waren es noch vier Wochen und wo die Zeit schon wieder hin ist, das weiß nur das Uni-Äffchen. Das ist es nämlich auch, das mir 24 Stunden vor der ersten Klausur, während eines mittelschweren Panikanfalls, gehässig zuflüstert "Hab ich dir doch gesagt". Und recht hat es, denn es ist jedes verdammte Mal so. Die Vorsätze sind immer löblich und passend zu jedem Semesterbeginn zurecht gelegt. Trotzdem schaffe ich es seit sechs Semestern jedes Mal mit großem Schrecken festzustellen, dass ich nur noch zwei Wochen habe, um mein Wissen für den Endgegner Klausur aufzustocken.
Aber warum es so schwierig ist direkt alles im Laufe des Semesters ordentlich vor- und vor allem nachzubereiten, versuche ich immer noch herauszufinden. Andere bekommen das doch schließlich auch hin. Ich bewundere die fleißigen Streber, denn irgendwie ist mir gerade in dem Punkt Disziplin ein Fremdwort. Selbst- und Zeitmanagement sind Kurse, die ich dringend mal besuchen sollte. Dabei kann ich doch wunderschöne To-do-Listen schreiben. Auch das Durchstreichen erledigter Punkte erfüllt mich mit tiefster Zufriedenheit. Wieso also, kann ich nicht einmal vier Wochen vor den Klausuren sagen, dass ich selbstverständlich ganz spontan mit zur Ausstellung komme und auch gegen Kino nächste Woche rein gar nichts spricht?

Wahrscheinlich, weil ich Game of Thrones spannender finde als Literaturgeschichte. Und ich lieber stundenlang den Staubwedel schwinge, bevor ich mich einer semantischen Analyse widme. Weil mein vierhundertseitiges Buch interessanter ist als der vierzigseitige Aufsatz über Turn-Taking. Oder, weil ich meine Prioritäten falsch setze. Das ist auch gut möglich. Dabei habe ich immer die perfekten Ausreden parat. Zum Beispiel, dass ich einfach nicht lernen kann, wenn um mich herum das Chaos tobt und mein Gehirn so viel besser funktioniert, wenn ich mir teller- und kannenweise Vitaminbomben einverleibe. Und das Herstellen der perfekten Lernatmosphäre bedarf einfach etwas Zeit. Meist in etwa zwei Wochen. Bis dahin hat sich auch die ideale Menge Druck aufgebaut, um sich übereifrig in der Bibliothek zu verbarrikadieren.

Vielleicht bin ich aber einfach einer dieser Menschen, der erst unter Stress zu Glanzleistungen aufläuft. Zeugnisse und Notenspiegel belegen diese wilde Theorie und um zu lernen, wie ich mir meine Klausurvorbereitungszeit gescheit einteile, habe nun beim besten Willen keine Zeit mehr. Aber nächstes Semester, da wird dann wirklich alles besser.

Kommentare:

  1. Ich glaube das werden einige kennen. Ich kenne das auch, allerdings bin ich allgemein sehr unordentlich. Irgendwie liebe ich das Chaos. :D

    Herzliche Grüße,
    Nina

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  2. Du sprichst mir scheiße verdammt nochmal sowas von aus dem Herzen.
    Beschreibt genau meine aktuelle Situation.:D

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  3. Haha, das kenn ich SO gut!
    Geht mir auch so..jedes einzige verdammte Semester!!

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  4. Hejhej,

    Achje, wie sehr ich das unterschreiben kann. Ich habe es mir jedes Semester vorgenommen. JEDES. Jetzt schreibe ich meine Magisterarbeit - oder besser ich sollte sie schreiben - und es ist wieder das Gleiche. Leider kann ich mich auch so gar nicht gut austricksen und mir einreden, dass ich total viel Lust drauf habe. Deshalb renoviere ich lieber mal mein Zimmer...ist auch wirklich richtig wichtig.

    Liebe Grüße, Nina

    P.s.: Ich habe deinen Blog letzte Woche entdeckt und er gefällt mir sehr!

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  5. Das wird nicht besser... Lernen ist einfach der größte Bullshit, vor allem Fächer, die man weder brauch, noch mag. xD Inzwischen kann ich nimmer lernen; mit fast 25 habe ich die Schnauze gestrichen voll, doofe Definitionen in mein Gehirn zu hämmern...ich esse lieber. Wahrscheinlich nehme ich heute und morgen noch locker 5 kg zu. :D Cheers!

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  6. Aber ich dachte gerade die ganze Zeit, der Text stammt aus meiner Feder. GERADE sind es noch 3 Wochen bis zur ersten Klausur, und zwei und drei und... Und ein neues total interessantes Kochbuch habe ich schon. Der Staubsauger ist schon mein bester Freund, und aufwaschen ist plötzlich total entspannend. Wohl gibt es an keiner Uni diesen "Zeitmanagment"-Kurs? Aber doch eigentlich kann ich mir den sparen- den Listen erstellen, das kann ich. Auch Zeiten einteilen. So lange es sich nur um Schwarz auf Weiß handelt. Und nicht um hier, Realität und Jetzt. Auch ist das immer die Zeit in der ich mich frage "warum überhaupt studiere ich das denn?" - eine Frage die sich sonst doch niemals stellt.
    Haha aber ich denke, die Umsetzung ins hier und jetzt, hat nächstes Semester auch noch Zeit. Jetzt wäre das doch alles viel zu knapp, das ganze "Leben" umzukrempeln. Da kann ich mich ja gar nicht aufs Lernen konzentrieren.
    Super Text, und viel Glück ;)

    Liebe Grüße,
    Elizabeth

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  7. Hervorragend geschrieben!
    Ich prokrastiniere sehr gerne: Meine Hirnsynapsen geben dann wirklich ihr äußerstes um mich nicht unbeschäfgt zu lassen. Das hat schon zu einigen erfreulichen Entwicklungen geführt, leider auf dem Gebiet, das es eigentlich zu bearbeiten galt;)

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  8. Haha, danke für diesen Post, er hat mir am frühen Morgen ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert. Fabelhaft geschrieben und ich habe mich in so vielem wiedererkannt! ♥

    Carina,
    www.alltags-adrenalin.de

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  9. Du hast ja einen süßen Blog. :)
    Fühlt man sich direkt wohl!

    Bin in Sydney meine Familie besuchen und kam durch mein Cousin dazu, dass ich für die Wochen auch in eine Cheerleadergruppe eintreten kann, damit es nicht zu einseitig wird. :)
    Tipps zu Sydney kann ich immer gebrauchen!

    Liebe Grüße, Hanni.
    http://www.caprille.blogspot.de

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  10. Ich bin gerade über deinen Blog gestolpert und musste so lachen, als ich deinen Post gelesen hab. Ich schreib übermorgen eine Prüfung und packe lieber Umzugskartons als zu lernen.
    Ich wünsch dir viel Erfolg bei deinen Prüfungen und schicke dir ein bisschen Motivation.

    Alles Liebe, Sarah

    http://inter-pretations.blogspot.de/

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