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20. Oktober 2012

Aus mir wurde wir

Das 'Wir-Phänomen' ist uns allen bekannt. Wenn aus starken, selbstbewussten Persönlichkeiten, plötzlich ein Pärchen und somit ein 'wir' wird. Dann findet nicht mehr das Individuum den Film ätzend, sondern 'wir'. Und man geht auch nicht mehr weg, denn 'wir' machen heute etwas Ruhiges. Vielleicht auch mit anderen 'wirs'. So macht man das nämlich als 'wir'.

Manche leben für die erste Person Plural, anderen läuft beim bloßen Gedanken daran ein kalter Schauer über den Rücken. Zu welcher Sorte Personalpronomen ich gehöre, versuche ich seit Jahren herauszufinden. Zusammen ist man weniger allein. Aber manchmal ist man gern allein. Manchmal hat man die Couch und die Fernbedienung gern für sich. Manchmal möchte man nicht stundenlang knutschen, kuscheln und sich klebrig süße Worte um den Mund schmieren. Manchmal möchte man so laut singen, wie es nur geht. Nackt durch die Wohnung tanzen oder drei Tage nicht duschen und alle Folgen Sex and the City gucken, während man Kalorienbombe über Kalorienbombe in sich stopft. Ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Ohne sich rechtfertigen zu müssen, warum man für die nächsten 72 Stunden von der Bildfläche verschwindet. 

Psychotests in Frauen Magazinen sagten mir immer wieder, ich sei der unabhängige Typ. Ich tue das, worauf ich Lust habe, nehme kein Blatt vor den Mund, mache große Pläne und lebe mein Leben. Bis vor einer Weile, bis ich mich entschied mein Leben zu teilen. Ich machte Platz und wurde zum 'wir'. Ich gab Pläne und Wünsche auf, wechselte Postleitzahl und Studiengang. Ungefragt, hingebungsvoll, aus ganzem Herzen. Warf Vernunft und Logik über Bord, lebte die Liebe und nicht mein Leben. Verlor mich unterwegs und fand mich bis jetzt nicht wieder. Vergas, wie gern ich doch eigentlich immer die erste Person Singular gewesen war. Aber wenn die rosa Zuckerschicht bröckelt und die süßen Versprechen zu bitteren Enttäuschungen werden, holt einen die Realität schnell wieder ein. Erwartung ist der Ursprung jeder Enttäuschung, wie der großartige Shakespeare schon so schön sagte. Und dann kann man nichts tun, als sich hinzusetzen und abzuwägen. Auf der Suche nach sich selbst, ohne Rücksicht auf Verluste.

Dieses 'wir' kann etwas wirklich Schönes sein, dass weiß ich mittlerweile - wenn man das perfekte Pendant gefunden hat. Das perfekte Pendant kann der heiße Typ aus der Mensa sein, mit dem man vier Wochen ein bisschen Spaß hat. Das kann die beste Freundin sein. Das kann die ganz große Liebe sein. Das kann aber auch eine Familienpackung Schokoladeneis sein. Das ist situativ flexibel. Whatever works. Dafür gibt es nur diese eine Regel: solange man in diesem Moment glücklich ist, ist es das perfekte Pendant. Dann ist es egal, dass man laut und vor allem schief singt oder ungeduscht, nackt durch die Wohnung tanzt. Wenn es perfekt ist, ist es egal. Und nicht peinlich. Denn wenn es so ist, dann tanzt man am liebsten zu zweit und jeder Song klingt im Duett am schönsten.

Kommentare:

  1. Fantastisch geschrieben und SO wahr. :)

    Liebe Grüße,
    Saritschka.

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  2. Sehr toller Text. :) Du kannst wirklich richtig gut schreiben.

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  3. Ich liebe deine Texte - Sicher, dass du nicht vll eine Kolumne irgendwo schreiben solltest? Freie Autorin und so. :D

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  4. du schreibst wundervoll !

    vielleicht hast du lust an meiner blogvorstellungsaktion teilzunehmen?
    -> geht noch bis zum 31.10!
    http://everythingblurry.blogspot.de/2012/09/blogvorstellung.html

    würde mich sehr freuen,
    EVERYTHINGBLURRY

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  5. http://schwerelos-nina.blogspot.de/2012/10/die-ersten-gewinner-der-blogvorstellung.html
    ist zwar nur ne kleine Anmerkung aber ich hab mehr Wert auf Bilder gelegt, trotzdem wahnsinnig schöne Texte, lg nini x

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  6. Schöner Text... wenn man den richtigen gefunden hat, ist das ominöse "wir" gar nicht mehr so schlimm, wie es sich anhört ;)

    Du hast wirklich einen schönen Blog, das Design gefällt mir richtig gut.

    Ariane
    heldenwetter

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  7. Cutie, toller Text - hat mich mal zum Nachdenken gebracht !

    Liebst,Anna :*

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